Springe zum Inhalt

Geduld ist eine Tugend – wenn eine Geburt eingeleitet wird

Es gibt sie ja tatsächlich. Diese Frauen, die Wehen bekommen, ins Krankenhaus fahren und ein paar Stunden später halten sie ihr Kind in den Armen. Ich kenne sie, diese Frauen. Und ich freue mich von Herzen für sie (auch wenn ich etwas neidisch bin...). Doch für mich ist diese ursprüngliche Version einer Geburt leider keine Option gewesen. Geplant war sie, klar. Aber eine Option war sie leider nicht...

Mattis Entbindung sollte eigentlich in einem kleinen, schönen Krankenhaus in Heidelberg stattfinden. Doch durch seinen Tod wurde mir diese Entscheidung abgenommen und ich musste mich in der 37. Schwangerschaftswoche im Mannheimer Klinikum einleiten lassen. Das war natürlich keine Einleitung, die auch "normale" Schwangere über sich ergehen lassen müssen. Zunächst war der psychische Druck enorm. Ich musste das Kind loslassen, was so ziemlich das Grausamste ist, das man von einer Mutter verlangen kann. Schließlich wusste ich, dass dies das Ende und nicht der Anfang war. Ich wusste, war Matti auf der Welt, musste ich mich trennen. So lange er in meinem Bauch war, war er noch da.

Auf der anderen Seite birgt so etwas natürlich gesundheitliche Risiken. Schließlich war er nicht mehr am Leben, von daher ging von seinem kleinen Körper auch eine Gefahr für mich aus. Ich hätte auch eine Sepsis oder Ähnliches bekommen können. Ich bekam in der Nacht vor der Entbindung Antibiotika, da das Fieber und die Entzündungswerte stiegen. Wenn die Einleitung am kommenden Tag nicht geklappt hätte, dann wäre sicher auch relativ bald ein Kaiserschnitt notwendig gewesen.

Auf der anderen Seite hatte ich nie Schmerzen, sowohl die Einleitungsphase als auch die Geburt waren tatsächlich nahezu schmerzfrei. Da die Ärzte und Hebammen auf kein lebendes Kind Rücksicht nehmen mussten, konnten sie mit Schmerzmitteln sehr großzügig umgehen. Die Hebammen meinten, ich müsse genug durchmachen, da muss ich nicht auch noch Geburtsschmerzen ertragen und machten es so leicht für mich wie es eben ging.

Doch es dauerte und dauerte... Freitags kam ich ins Krankenhaus und Montagnachmittag war es endlich soweit. Bis dahin tat ich wirklich alles, was möglich war, um die Geburt in Gang zu setzen. Ich lief gefühlte 100 Kilometer durchs Klinikum, ich bekam Tabletten und Gel, ich schmierte Uterusöl auf den Bauch, ich turnte, und und und. Doch es dauerte einfach bis mein Körper und meine Seele bereit waren loszulassen.

Als ich mit Anni schwanger wurde, war mir klar, dass ich sie nicht bis zum regulären Ende austragen werde. Ich hatte solche Angst, dass etwas passiert, dass ich sie so schnell wie möglich aus mir raus haben wollte. Mein Körper hat mein erstes Kind zwar entstehen lassen, hat es aber auch getötet. Deshalb wollte ich sie so schnell wie möglich in meinen Armen haben, um sie zu beschützen. Also besprachen wir uns mit den Ärzten und wir entschieden, dass wir in der 37. Schwangerschaftswoche einleiten werden. Das Kind war groß und schien kräftig genug, es zu diesem Zeitpunkt zu entbinden. Dazu kam, dass es mit Clexanen (Heparin) einfacher ist, eine Geburt mit Einleitung zu planen, als eine spontane Entbindung. So konnte ich die Spritzen rechtzeitig absetzen. Das sollte mindestens 12 Stunden vorher sein, da sonst keine PDA möglich ist. (Guter Witz, dachte ich im nachhinein 😉 )Außerdem war es ein Mädchen und die Oberärztin meinte grinsend, Mädchen halten erfahrungsgemäß mehr aus als Jungs 😉

Ich dachte, naja, wie lange kann das schon dauern. Das Kind ist groß und ich will die Geburt unbedingt. Diesmal wird es garantiert schneller gehen als drei Tage. Ha! Ich höre meinen Körper und Anni immer noch leise lachen. Ich ging Dienstags ins Krankenhaus und Anni kam Samstags auf die Welt!!! Es tat sich ewig nix! Ich hatte zwar immer wieder Wehen, die ich auch willkommen ließ, in der Hoffnung, sie bewirken was am Muttermund. Ich verzichtete auch weitestgehend auf Schmerzmittel, um den Geburtsvorgang nicht zu stören, aber die Schmerzen waren total sinnlos. Selbst wenn mal regelmäßige Wehen da waren, dann waren sie einfach ohne Erfolg. Und das war frustrierend. Ich lief Treppen, wir schmierten und massierten den Bauch mit Uterusöl, wir turnten wieder, ich bekam Gel und Tabletten, und und und. Wir ließen nix aus. Jeden Tipp nahmen wir an. Nach drei Tagen wollten sie uns nach Hause schicken, so dass ich etwas zur Ruhe kommen sollte, aber das war keine Option. Ich werde dieses Krankenhaus nicht ohne mein Kind im Arm verlassen - lebend! Das war mein fester Vorsatz und da rückte ich nicht von ab. Vielleicht war es auch meine Sturheit und die fehlende Lockerheit, die mir im Weg stand. Aber ich konnte nun mal nicht aus meiner Haut.

Irgendwann hatte die Hebamme und auch die Ärztin Dienst, die auch Matti auf die Welt holten (und die Ärztin betreute mich auch in Annis Schwangerschaft regelmäßig) und dann kam der Moment, in dem die Hebamme sagte: "Willst du dein Kind?" Ich sagte ja und sie meinte, "gut, aber danach wirst du mich wahrscheinlich hassen" Ich nickte und los ging es. Sie alle kannten mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich stur war und auch durchaus belastbar. Vom Befund des Muttermundes her konnte man also einen Wehentropf probieren. Und dann brach echt die Hölle über mich herein. Die ersten Stunden gingen noch ganz gut, aber dann! Ich schrie nach einer PDA, aber dafür war es zu spät und nach gut vier Stunden war Anni da. Es war echt eine heftige, laute geburt und es waren echt anstrengende fünf Tage, aber ich muss sagen, es hat sich gelohnt. Noch vier Wochen bis zum regulären Geburtstermin hätte ich psychisch niemals durchgestanden und einen Kaiserschnitt wollte ich auch partout vermeiden. Schließlich gab es körperlich keinen Grund dazu. Kindslage und alles andere sah gut und normal aus. Und das Schöne war, nach ein paar Stunden war ich echt wieder fit und konnte mich um mein Kind kümmern. Mit einem Kaiserschnitt hätte ich das nicht geschafft.

Dann war ich wieder schwanger und wieder stellte sich die Frage nach der Geburt. Wieder war es keine Option bis zum Ende der Schwangerschaft durchzuhalten. Doch diesmal überzeugte mich die Oberärztin bis zur 38. Schwangerschaftswoche zu warten. Das schaffte ich, dachte ich, aber dann ist Schluss. Dann wackelten mein Mann und ich also wieder ins Klinikum und dachten, naja, es ist die dritte Entbindung, wir sind eine Woche weiter. Diesmal wird es wohl schneller gehen... Ha! Ich höre meinen Körper und Ella erneut leise lachen. Ich kam Montags ins Krankenhaus und am Donnerstagnacht war es soweit! Wieder fast fünf Tage... Gleiches Programm. Aber mein Körper lässt seine Kinder offenbar nicht gerne gehen. Der einzige Unterschied war, dass ich diesmal in den Genuss einer PDA kam. Ich habe von vorneherein gesagt, dass ich einen Wehentropf nur mit PDA mitmache. Und dieser Wunsch wurde mir erfüllt. Paralell zum Tropf gab es die PDA und das war echt so viel besser 😉 Ich kann es jeder Frau nur empfehlen. Das entspannt! Mein Blutdruck sackte zwar kurz ab, aber das hatten die Ärzte sehr schnell wieder im Griff. Leider gab es auch Stress mit dem CTG, da sie meinen und den Herzschlag des Kindes nicht sicher auseinanderhalten konnten. Deshalb haben sie am Kopf des Kindes noch den Puls messen müssen. Da war kurz Stress. Aber auch das hatten Ärzte und Hebamme im Griff. Außerdem war es echt voll im Kreißsaal. Die Hebamme, eine Hebammenschülerin, die Oberärztin, der Stationsarzt und eine Ärztin im Praktikum waren dabei. Meine Tochter hatte direkt großes Publikum. Aber irgendwie waren wir inzwischen offenbar bekannt und es bestand großes Interesse daran, dass das Kind nun endlich kommt 😉

Ich habe zwar natürlich und spontan entbunden, aber man muss ehrlicherweise sagen, dass meine drei Geburten nichts mit dem zu tun hat, was die Natur vorgesehen hat. Tagelang musste ich ständig CTG-Kontrollen über mich ergehen lassen, bekam sehr viele Medikamente und stand unter totaler Überwachung. Aber: Ich bereue nichts. Es war so wie es war gut. Ich habe keinen Kaiserschnitt gebraucht und ich habe meinen Kindern auf natürliche Weise den Weg auf die Welt bereitet. Natürlich war es hart, aber es hat sich gelohnt. Man muss als Mutter leidensfähig sein und dieses Talent wurde uns Frauen auch genetisch geschenkt. Ich würde nichts anders machen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen