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Ein Abschiedsbrief

Von einem Kind Abschied zu nehmen ist das Schlimmste und Unnatürlichste, das eine Familie durchmachen kann. Eltern sollten niemals am Grab ihrer Kinder stehen. Das ist falsch. Doch es passiert. Und es ist uns passiert. An Ostern 2015. Es gibt sehr viele verschiedene Wege damit umzugehen und auch wir sind nicht nur einen Weg der Verarbeitung gegangen. Einer war ein Abschiedsbrief. Im Mai 2015 habe ich mich hingesetzt und habe Matti einen Brief geschrieben. Ich habe lange gebraucht, um ihn zu veröffentlichen. Jetzt bin ich in Absprache mit meinem Mann soweit das zu tun:

"Unser geliebter Matti,

die Zeit mit dir war die schönste unseres Lebens. Du hast uns zu den glücklichsten Menschen der Welt gemacht. Du hast unser Leben komplett gemacht.

Leider war diese Zeit viel zu kurz. Wir durften dich nicht aufwachsen sehen. Wir durften dich nie an deinem ersten Kindergartentag begleiten, deine Schultüte packen, dich wegen deines ersten Liebeskummers trösten... Das tut uns unendlich leid. Den Rest unseres Lebens werden wir an dich denken, dich vermissen und uns wünschen an deiner Seite zu sein während du das Leben entdeckst. Doch wir können nichts tun um dich zurückzuholen. Aber wir können dich in unseren Herzen tragen...

Dieser Brief soll und kann dich nicht ersetzen, aber es soll uns eine Chance geben, uns immer wieder zu erinnern...

Der 9. August war der Tag an dem unsere wunderbare Reise begann. Alles war so perfekt und so wunderschön... Der Test war positiv!

Und das Ultraschallbild zwei Tage später bestätigte das Unglaubliche – du warst tatsächlich entstanden und dabei zu wachsen. Es war die schönste Nachricht die man sich vorstellen kann.

Viele weitere Ultraschallbilder entstanden noch in den kommenden Monaten. Du warst immer so lebendig. Du hast dich immer gegen das Ultraschallgerät gewehrt – ebenso wie gegen den Knopf von CTG. Du hast von Anfang an immer deinen eigenen Dickkopf gehabt. Am schönsten war es wenn du mich getreten hast oder wenn du Schluckauf hattest. Du warst immer so präsent, so nah bei uns... Mich hast du getreten, bei Papa warst du immer ganz brav...

Es war keine einfache Schwangerschaft. In den ersten Monaten war mir immer wieder übel. Papa gab mir immer Kekse vor dem Aufstehen. Außerdem aß ich auf einmal ganz viel Fleisch und das, obwohl ich sonst gar kein Fleisch mochte. Dazu hatte ich immer wieder furchtbare Kopfschmerzen und Migräne. Ich war fast jeden Tag krank zu Hause. Ich musste ganz viele Termine absagen, aber das war egal. Hauptsache dir ging es gut. Ich ging sogar ins Mannheimer Klinikum, damit mir die Ärzte Medikamente gaben die dir nicht schaden. Ich quälte mich ganz arg, ging zur Akupunktur, zur chinesischen Heilerin, zum Ostheopaten. Unsere liebe Hebamme war immer an unserer Seite. Bei ihr bereiteten wir uns auf die Geburt vor, bei ihr gingen wir in die Wassergymnastik. Ich glaube, du mochtest das Wasser sehr... Gegen die Migräne kauften wir neue Matratzen, tauschten Halogenlampen aus, vermieden Elektrosmog, ich trank Chlorophyll... Du siehst, wir ließen nichts aus. Arbeiten durfte ich ab Ende November nicht mehr. Dann kamen Frühwehen. Ich musste im Weinheimer Krankenhaus eklige Tabletten nehmen von denen es mir gar nicht gut ging. Aber alles war egal, Hauptsache dir ging es gut. Und dir ging es gut. Du bist kräftig gewachsen und warst eigentlich immer zu groß. Wir sahen das als gutes Zeichen und ich fuhr 2 Mal die Woche zum Arzt um dich zu kontrollieren.

Beim CTG am 26. März warst du etwas unruhig, die Herztöne waren etwas zu schnell. Der Frauenarzt entschied, uns am nächsten Tag noch mal wieder zu sehen. Am frühen Morgen spürte dich noch dein Papa. Du hast ihn noch getreten. Dann schlief ich wieder ein. Ich träumte von dir. Du warst ein großer Junge, du hast in meinen Armen gelegen, gelächelt und gesagt, alles ist gut Mama. Alles ist gut... Es war dein Abschied, auch wenn ich erst später verstand. Ich erzählte deinem Vater von dem Traum, war etwas beunruhigt. Aber ich dachte, alles ist gut. Schwangere träumen verrückte Dinge. Ich fuhr zum Arzt. Dann kam der schlimmste Moment meines Lebens. Die Hebamme fand keine Herztöne mehr. Der Frauenarzt schaute gleich mit Ultraschall nach, er bestätigte, dass du gestorben bist... Sofort kam der Rettungswagen, er brachte mich ins Krankenhaus. Dort wartete schon der Papa. Die Oberärztin bestätigte erneut was ich bereits wusste. Du warst tot... Ein Kaiserschnitt kam nicht in Frage. Ich musste dich natürlich auf die Welt bringen. So entschieden die Ärzte. Ich verstand zu diesem Zeitpunkt nicht warum. Es hieß, ich solle keine Narbe behalten und ich sollte dich loslassen. Sie wollten dich nicht herausreißen. Ich sollte mich verabschieden... Oh Gott, wenn ich das jetzt schreibe, schreie ich innerlich! Ich wollte dich nie loslassen. Ich liebe dich so sehr. Ich habe fast 10 Monate alles getan um dich zu beschützen und jetzt sollte ich dich loslassen??? Das geht nicht! Eine riesige Ladung Schmerzmittel, Wehenförderer und über drei Tage später konnte ich dich nicht mehr halten. Nach einer PDA war es soweit. Bis dahin waren so viele liebe Menschen an unserer Seite. Deine Großeltern, die Hebammen, die Ärzte, alle waren da. Auch als ich dich Welt brachte. Am Montag den 30. März um 15.21 Uhr war es soweit. Das wunderschönste Kind der Welt wurde geboren. Leider hast du nie geatmet, aber du bist unser Kind und daran wird sich nie etwas ändern. Eine sehr liebe Pfarrerin hat dich sogar gesegnet.

Eine Stunde warst du bei uns und wir konnten dich halten. Auch wenn es eine stille Geburt war, es war trotzdem wunderschön dich zu sehen und dich zu spüren. Du warst 54 cm groß und hast fast 3500 g gewogen. Ich war so stolz... Wir küssten dich das erste und letzte Mal und gaben dich weg. Es war Zeit, sich endgültig zu trennen...

Gesundheitlich habe ich die Geburt gut überstanden. Einen Tag später durfte ich nach Hause. Ohne dich... Das war der schlimmste Gang meines Lebens. Mit einer leeren Babyschale im Auto mussten wir zurück. Am 4. April um 11 Uhr wurdest du schließlich auf dem Friedhof in Birkenau beerdigt.

Vergiss nie, mein kleines Sternenkind, deine Eltern lieben dich bis zu ihrem letzten Atemzug. Du wirst ewig unser Kind sein...

Bussi, Mama und Papa" (Mai 2015)

Ein paar Wochen nach dem Brief erfuhr ich, dass ich an einer Gerinnungsstörung leide, die den Tod meines Sohnes mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgelöst hat. Darüber werde ich noch ausführlich berichten, doch an dieser Stelle lasse ich den Brief ohne weitere Fakten einfach mal so stehen...

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