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Geschwisterliebe oder wie ich meiner Tochter ihre Babyschale abkaufte

Mein Mann und ich wünschten uns immer zwei Kinder. Wir bauten ein Haus um und schufen zwei Kinderzimmer. Damit war klar, beide Räume brauchen Leben. Nachdem meine Tochter Anni auf die Welt kam hatten wir zwei Kinder. Doch unser Sohn, der ein Jahr zuvor geboren wurde, war ein Sternenkind. Das heißt, er starb im Mutterleib. Somit waren wir in der Situation, dass wir zwar zwei Kinder haben, doch nur in einem Raum war Leben. Es war klar, auch wenn eine Schwangerschaft immer ein Risiko ist und ich auch mit 36 Jahren nicht mehr die Jüngste war, wir wünschten uns noch ein Kind. Am 1. Januar 2018 war klar, der Test war positiv, es ist soweit. Doch das stellte uns auch vor eine Herausforderung, der sich alle Eltern mehrerer Kinder stellen müssen: Wie erkläre ich dem älteren Kind, dass es bald nicht mehr alleine ist? Bislang drehte sich alles um sie. Doch auf einmal drehte sich die Welt auch um den kleinen Zellhaufen in meinem Bauch. Schwangerschaften sind bei mir nie leicht. Ich leide unter Dauermigräne, muss ständig zu Arztkontrollen und bin auch sonst gar nicht fit.

Was ich bei der Planung einer Schwangerschaft nicht bedacht hatte, war, dass meine Tochter im Alter von etwa 2 Jahren vielleicht auch in eine Trotzphase geraten könnte. Und man muss auch beachten, dass 2 Jährige nicht gerade dafür bekannt sind, besonders empathisch zu sein. Auf gut deutsch: Mir ging es beschissen und ich hatte den ganzen Tag ein Kind um mich, dass überhaupt keine Rücksicht darauf nahm, dass Mami gerade nicht viel Kraft hat. Jetzt kann man sagen, verständlich von Seiten des Kindes. Richtig! Ich habe die Herausforderung wirklich unterschätzt. Sie war zwar immer ein kleiner Dickschädel, aber ich kam hervorragend mit ihr klar. Die Trotzphase schlug jedoch mit Beginn der Schwangerschaft schlagartig zu und sie fochte einen Machtkampf nach dem anderen mit mir aus. Dazu kam der extrem heiße und lange Sommer, der mich zusätzlich wahnsinnig viel Kraft kostete. Es liegen wirklich schwierige Monate hinter uns. Und wenn jetzt in meinem Bekanntenkreis eine Freundin erwähnt, dass sie sich ein zweites Kind wünscht, sage ich immer: Vergiss die Trotzphase nicht und passe auf die Jahreszeit auf 😉

Aber unabhängig davon, wir haben unsere Tochter immer zu allen Arztbesuchen mitgenommen und ihr alles genau erklärt. Auch wenn sie vieles sicher nicht verstanden hat, haben wir dennoch probiert sie in alles miteinzubeziehen. Sie sollte Teil des Ganzen sein und das nahm sie auch sehr gut an. Wir haben ein Buch gekauft, in dem mit Bildern die Schwangerschaft erklärt wurde. Das Buch schaut sie sich heute, fast fünf Monate nach der Geburt, immer noch oft an. Es beschäftigt sie also nach wie vor.

Ich gehe davon aus, dass viele Machtkämpfe auch durch die Schwangerschaft bedingt waren. Meine Tochter ist eine starke Persönlichkeit und diese besondere Situation hat sicher die Konfrontationen verstärkt. Sie war unsicher, was das bedeutet, was sich verändert und wie sie damit umgehen soll. Deshalb konnte ich ihr nie böse sein. Ich musste ihr Grenzen setzen, aber ich habe immer versucht, ihr Sicherheit und Liebe zu geben. Ich hoffe, ich habe diese Gradwanderung geschafft. Es ist nicht leicht, auf der einen Seite zu sagen, stopp! Du bist zwar erst zwei Jahre alt, dennoch gelten auch für dich Regeln. Ich möchte nicht, dass du schlägst und mich mit Sand bewirfst. Dennoch liebe ich dich und ich verstehe, dass du verunsichert bist und keine andere Lösung siehst, deine Gefühle zu zeigen. Ich kann jedenfalls rückblickend sagen, es gab viele Momente, in denen es mir schwer viel nicht die Beherrschung zu verlieren. Und ich stehe auch dazu, dass ich gelegentlich den Raum verließ, um mich für fünf Minuten zu verkriechen und zu weinen. Ja, eine Schwangerschaft ist nun mal nicht die Zeit, in der man Gefühle gut unter Kontrolle hat.

Doch es gab auch wirklich drollige Momente. Kurz vor dem Tag, an dem die Geburt eingeleitet werden sollte, mussten wir die alte Babyschale meiner Tochter rausholen und bereit für den Transport machen. Was macht mein Mädchen? Sie faltete sich zusammen und legte sich in die Babyschale. Die Frage nach dem warum wurde nicht beantwortet. Sie war nicht bereit, ihren Sitz herzugeben - obwohl sie schon seit weit über einem Jahr nicht mehr in dem Ding saß. Ich fragte sie, was wir tun können, dass sie ihn ihrer Schwester leiht. Und irgendwann hatte ich sie soweit, dass sie bereit war, ihren Sitz zu verkaufen. Sie durfte sich im Laden daraufhin ein Spielzeug aussuchen. Damit war das Thema für sie in Ordnung. Es ist schon echt kurios, wie berechnend Kinder bereits in diesem Alter sein können...

Ich hatte echt ein bissel Bammel davor, was passiert, wenn die kleine Schwester dann tatsächlich da ist. Doch ich habe mein Kind mal wieder falsch eingeschätzt. Die junge Dame ist eben immer für eine Überraschung gut. Sie liebt ihre Schwester und geht voll in der Rolle als große Schwester auf. Sie ist immer besorgt um sie und schimpft mit uns, wenn wir nicht schnell genug auf die Kleine reagieren. Mir hat eine erfahrene Kinderkrankenschwester mal gesagt, dass Eifersucht unter Geschwistern völlig normal sei. Man muss sich nur mal vorstellen, dass der Ehemann mit einer neuen Frau nach Hause kommt und sagt, die wohnt jetzt hier, du musst deine Sachen mit ihr teilen und ich liebe euch beide gleichermaßen. Nichts anderes passiert bei der Geburt eines Geschwisterchen. Anni hat auf Ella nach der Geburt nie eifersüchtig reagiert. Wir haben uns immer darum gekümmert, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit und Zuneigung bekommt. Und viele Freunde und die Familie haben zu Ellas Geburt beiden Kindern etwas geschenkt. Das fand Anni verständlicherweise großartig. Ich denke aber, dass es noch einen weiteren Grund für ihr soziales Verhalten ihrer Schwester gegenüber gibt: Sie hat all ihre Unsicherheit über Ellas Ankunft bereits in den Monaten davor verarbeitet. Das war für mich zwar äußerst kräftezehrend, aber so hat ihre Seele diese tiefgreifende Veränderung bereits begonnen zu verschaffen.

Außerdem darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich die veränderte Lebenssituation bei Anni eher körperlich ausgewirkt hat. In den Wochen nach der Geburt hat sie immer wieder nachts gebrochen. Die Kinderärztin hat nichts Auffälliges finden können und die Hebamme und ich haben den starken Verdacht, dass sie nachts im Schlaf den Stress verarbeitet hat und ihr das auf den Magen schlug. Inzwischen hat sich das wieder gelegt und wir sind sehr gespannt, wie sich das Verhältnis der beiden entwickeln wird. Ich wünsche mir sehr, dass sie etwas miteinander anfangen können.

Mein Mann und ich fragen uns regelmäßig, was wir tun können, um das Verhältnis der beiden nicht zu belasten. Es wird vermutlich unumgänglich sein, dass sie miteinander in Konkurrenz stehen. Doch wir versuchen, beiden genug Raum zu geben. Ich versuche, Zeitfenster zu schaffen, in denen ich mich ausschließlich einer von beiden widme. Außerdem muss Anni akzeptieren, dass Ella ihren Laufstall hat, der nur ihr gehört. Genauso wie Anni auch Bereiche hat, die nur ihr gehören. Das gilt auch für das Spielzeug. Außerdem werden beide aber auch lernen müssen zu teilen. Schließlich kann ich Anni nicht alles abkaufen 😉

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